David Lee

Web 1.0

Zürich – Singapur – Auckland (1. bis 3. Oktober)

Das Abenteuer begann abends am Flughafen Zürich. Die Boeing 777 war bis auf den letzten Platz gefüllt, und die Sitze schienen mir für einen Langstreckenflug recht eng. Immerhin hatte es keine nervigen Passagiere um mich herum. Links war eine grössere Gruppe von vermutlich dänischen Jungs und Mädels, schätzungsweise Anfang zwanzig, rechts direkt neben mir eine ältere Frau, die mich ab und zu aus Versehen berührte, aber sehr nett war. Der lange Flug war gut auszuhalten. Es gab zwei ordentliche Mahlzeiten, und dank der Schlaftablette konnte ich sogar ein paar Stunden schlafen. Die Benocten-Tabletten wären eigentlich rezeptpflichtig gewesen – ich bekam sie jedoch ohne Rezept, indem ich in der Apotheke einen Zettel mit meinen Personalien ausfüllte und erklärte, wozu ich sie brauchte.

Ich hatte meine Reise ganz altmodisch über ein Reisebüro gebucht, weil ich diverse Ideen hatte – etwa über Hawaii zu fliegen und dort erst ein paar Tage zu verbringen. (Das tat ich dann nicht, weil es unverhältnismässig viel teurer gewesen wäre.) Jedenfalls checkte ich dadurch nicht selbst ein, und erst im Flugzeug fiel mir auf, dass ich keine Bordkarte für den Anschlussflug hatte. Mit dem schweineteuren WLAN im Flugzeug fragte ich bei Kuoni nach, ob ich wirklich eingecheckt war. Ja, ich sei eingecheckt.

Alles in allem fand ich die Reise okay. Bis ich in Singapur landete.

In Singapur wären 1:45 Stunden Aufenthalt vorgesehen gewesen. Also genug Zeit zum Umsteigen und doch keine unnötige Verzögerung. Die Reisezeit hätte so etwa 24 Stunden betragen. Doch als ich aus dem Flugzeug kam und auf die Anzeigetafel blickte, sah ich, dass der Flug nach Neuseeland gecancelt war.

Ratlos ging ich zum nächsten Infodesk. Ich solle mit der Flughafenbahn zum Terminal 3 fahren, hiess es da. Dort musste ich an einem Schalter Schlange stehen, wo alle das gleiche Problem hatten wie ich. Als ich dran kam, wollte die Frau unbedingt den Boarding Pass sehen, den ich nicht hatte. Nach einigen Diskussionen und Extrawartezeit bekam ich schliesslich auch ohne Boarding Pass einen gelben Kleber, der mich als gestrandet auswies. Ich solle mein Gepäck bei Nr. 43 abholen, durch die Immigrationskontrolle gehen, dann würde ich von einem Bus abgeholt und zum Hotel gebracht. Das war alles, was ich an Information bekam, in schwer verständlichem Englisch. Ich fand den Bagage Claim nicht und musste nochmal zurück und nachfragen. Erst dann verstand ich, dass die Gepäckausgabe nach der Immigrations-Kontrolle kam. Als ich da durch war, fand ich den Bus-Terminal nicht, respektive ich fand deren drei, und wusste nicht, wohin. Ich hatte mit meinem Mobile-Abo kein Internet in Singapur. Die Terminals lagen weit auseinander. Erwähnte ich schon, dass ich einen über 20 Kilo schweren Koffer dabei hatte?

Der Flughafen Changi wäre sehenswert gewesen, aber ich hatte in meiner Lage keine Augen dafür. Nur am Rande bekam ich mit, dass wir mit der Terminalbahn durch einen schönen Garten mit Wasserfall fuhren, und der Flughafen über weite Strecken mit Teppich belegt war.

Ich kam mir vor wie ein kleines Kind, das zum ersten Mal in einem grossen Einkaufszentrum war und seine Eltern verloren hatte.

Als ich planlos und zunehmend verzweifelt am Flughafen umherrirrte, gelangte ich doch noch zum richtigen Bus. Inzwischen war es gegen sieben Uhr abends und die Dämmerung begann. Eine halbe Stunde später war es stockdunkel. Das faszinierte mich – ich wusste, dass das in der Nähe des Äquators so ist, hatte einen Tropen-Sonnenuntergang aber noch nie erlebt. Es war schwül und heiss. Weil die Flugzeuge ja eher kühl sind, hatte ich lange Hosen und einen dicken Pullover an. Ich schwitzte wie in der Sauna. Wir fuhren mit dem Bus über eine halbe Stunde zum Hotel – damit hatte ich nicht gerechnet. Im Hotel konnte ich pinkeln, duschen und die durchgeschwitzte Unterwäsche wechseln. Ich ass noch etwas Kleines und trank einen Kaffee, weil ich Kopfschmerzen hatte. Sie kamen aber anscheinend nicht vom Koffeinmangel, denn sie blieben.

Der kurze Stopp im Hotel Amara brachte etwas Erfrischung.

Im Hotel Amara hatte ich auch Internet und konnte den Leuten in Neuseeland mal durchgeben, was eigentlich los war. Also Melisa, die Vermieterin meiner ersten Unterkunft, und Petra, die Freundin einer Freundin, die mir netterweise angeboten hatte, mich am Flughafen abzuholen. Wegen der Zeitverschiebung bekam ich aber vorerst keine Antworten.

Gegen Mitternacht hätte der Bus vom Hotel zurück zum Flughafen fahren sollen. Tatsächlich fuhr er eine Viertelstunde vorher los – zum Glück war ich «zu früh» in der Lobby. Im Gegensatz zur Hinfahrt, wo der Bus fast leer war, war er dieses Mal voll.

Am Flughafen war erneut Schlange stehen angesagt. Alle aus dem Bus und noch einige mehr mussten gleichzeitig einchecken und das Gepäck aufgeben. Es ging nur sehr langsam vorwärts. Neben mir quengelte ein Kind, und bei gewissen Leuten dauerte das Einchecken ewig. Eine junge Mitarbeiterin hetzte ständig von einem Desk zum anderen und machte dabei ein Gesicht, als ob sie gleich anfangen würde zu heulen. Ich begann mir aus lauter Langeweile ein kleines bisschen Sorgen zu machen, weil ich immer noch keinen Boarding Pass hatte. Dabei war das überhaupt kein Problem, ich bekam nun endlich einen. Von nun an war ich sicher, dass nichts mehr schief gehen konnte.

Der Flughafen Changi ist ... gross.

Nun musste ich noch zwei Stunden warten. Ich sass vor dem Gate, die Verpflegungsmöglichkeiten des Flughafens hatten mitten in der Nacht geschlossen. Beim Einsteigen war wieder das gleiche Personal da wie beim Einchecken. Die mit dem heulenden Gesicht versuchte vergeblich, ein grosses Schild aufzustellen. Beim Boarding wurde ich zurückgewiesen, obwohl ich gemäss Anzeigetafel mit meiner Sitzreihe dran gewesen wäre. Naja. Kein Ding, aber ich hatte langsam aber sicher einfach die Nase voll vom vielen Warten.

Im Flugzeug war es noch enger als beim ersten Flug. Dieses Mal sass ich am Fenster. Neben mir setzten sich in letzter Minute zwei grosse, recht junge Männer hin – meine Hoffnung auf einen freien Nebenplatz zerschlug sich. Sie waren aber sehr freundlich waren nahmen mir keinen Platz weg durch ausgefahrene Beine oder Ellbogen. Vor mir ein kleines, sehr lautes Kind. Erstaunlicherweise konnte ich trotzdem ein bisschen schlafen und überstand den Flug recht gut. Nur den Kaffee hätte ich nicht trinken sollen, der schlug mir auf den Magen.

Im Flughafen Auckland verstrich noch einmal viel Zeit mit Gepäck abholen und Biosecurity. Da mussten alle Einreisenden durch. Es wurde genau darauf geachtet, dass man keine Pflanzen oder Tiere einschleppte, weil das Insel-Ökosystem auf invasive Arten empfindlich reagieren würde. Ich hatte Essen deklariert und dass ich es für eine andere Person mitbringe, deshalb legte ich an der Kontrolle eine Extraschlaufe ein. Dann holte mich Petra mit ihrer kleinen Tochter Luisa ab und wir fuhren zu ihr. Sie wohnte in einem Aussenquartier von Auckland.

Auf der Fahrt und vor allem bei ihrer Familie zuhause merkte ich erst, wie kaputt ich war. Die Anspannung war verflogen und grosse Müdigkeit machte sich breit. Ich lernte noch Petras Mann Keith kennen, die ältere Tochter Selina, die 12 war, und ihren weissen Hasen, der einen Ölfleck auf dem Rücken hatte, weil er unter dem Auto herumgehoppelt war.

Wir plauderten ein wenig und Keith fuhr mich gegen halb zehn zum Airbnb. Ich war endlich angekommen. Ich erhielt eine kurze Einführung in die Wohnung und ging danach gleich unter die Dusche und ins Bett. Alles in allem war ich etwa 40 Stunden unterwegs.