David Lee

Web 1.0

Auckland (3. bis 17. Oktober 2024)

Meine erste Unterkunft befand sich mitten im Zentrum von Auckland. Die Überlegung war, dass ich zu Beginn meines Aufenthalts kein Auto haben würde und vermutlich diverse Dinge organisieren musste – und ich dachte, das ginge am besten mitten in der Stadt. Vor der Abreise buchte ich über Airbnb ein Zimmer bei Melisa, einer Amerikanerin, die nach Neuseeland ausgewandert war. Sie wohnte mit ihrem Freund Connor zuoberst in einem elfstöckigen Hochhaus. Der Lift war an der Aussenwand des Hauses angebracht und verglast, so dass ich mich jedes Mal, wenn ich ihn benutzte, die Aussicht auf das urbane Zentrum genoss. Denselben Blick auf die Strasse mit den Hochhäusern hatte ich auch vom Balkon der Wohnung aus. Es war eine Maisonette-Wohnung, unten ein grosser Raum mit Küche, Esstisch und Wohnzimmer, daran angrenzend der Balkon. Über die Haupttreppe gelangte ich zu meinem Schlafzimmer, nebenan das Zimmer eines anderen Airbnb-Gasts, unser gemeinsames Bad und die Waschmaschine, die sich in einer Art Wandschrank befand. Das (oder die) Zimmer von Melisa und Connor sah ich nie; es gab vom Wohnzimmer aus eine weitere, nur etwa 50 Zentimeter breite Treppe nach oben. Dort musste ihr Schlafzimmer gewesen sein. Ich fragte mich, wie sie ihre Möbel dort hingebracht hatten.

Die Aussicht vom Balkon aus.

Anna, die neben mir ihr Zimmer hatte, war Amerikanerin und wohnte noch länger hier als ich. Sie arbeitete remote, was bedeutete, dass sie mitten in der Nacht aufstehen musste. Ich bewunderte ihre Energie. Ihre Arbeitszeiten waren sehr lange, und trotzdem machte sie noch Ausflüge oder ging ins Gym. Sie arbeitete in einer Ecke des Wohnzimmers, wo ein kleiner Schreibtisch mit einem PC stand. Wenn ich morgens zum frühstücken hinunter kam, war sie meistens in einer Videobesprechung. Es war recht kalt in der Wohnung. Anna sagte mir, sie könne es sich nicht erlauben, in einer Jacke vor der Kamera zu erscheinen, und fror ständig. In meinem Schlafzimmer hatte es einen kleinen Elektroofen. Zentralheizung gab es hier entweder nicht oder dann wurde sie nicht benutzt.

Ich schätzte, dass die anderen drei so zwischen 30 und 40 Jahre alt waren. Ich war der Oldie hier und der einzige Nichtamerikaner. Mit Anna kam ich sehr einfach ins Gespräch, sie redete gerne. Bei den anderen beiden hätte ich mich aktiv bemühen müssen, was ich nicht tat. Nicht weil ich nichts mit ihnen zu tun haben wollte, sondern weil ich diese angelsächische Smalltalk-Kultur nicht so beherrsche. Zudem genügten sich Mel und Connor als Paar selbst und luden auch Freunde ein – sie führten ihr eigenes Leben, unabhängig von mir. Als mir auffiel, dass es irgendwie seltsam ist, sich im Wohnzimmer zu begegnen, aber nicht zu reden, hatte es sich bereits so eingebürgert und ich konnte es nicht mehr ändern. Je länger man nicht miteinander redete, desto seltsamer schien es mir, wegen nichts ein Gespräch zu beginnen.

Der Jetlag dauerte viel länger, als ich erwartet hatte. Die ganze erste Woche ging ich abends sehr früh ins Bett, die ersten drei Tage schlief ich sogar bereits am Nachmittag ein. Dafür war ich dann morgens um fünf Uhr hellwach. Ich ging also die erste Woche abends nie weg, obwohl die Lage der Unterkunft dafür prädestiniert gewesen wäre.

Überhaupt unternahm ich die erste Woche nicht viel – das war aber so geplant und ich genoss es, unendlich Zeit zu haben. Erst mal ankommen und mich akklimatisieren. Ich schlenderte ein wenig im Stadtzentrum umher, besuchte einige grössere und kleinere Parks, und ich besorgte mir eine neuseeländische SIM-Karte mit mehr Datenguthaben, als ich jemals brauchen würde. Ebenfalls schon in der ersten Woche kaufte ich mir eine Gitarre samt Kabel, Tasche und Schulterriemen. Alles zusammen kostete umgerechnet etwas mehr als 200 Franken – weniger, als ich für den Transport einer Gitarre im Flugzeug hätte bezahlen müssen. Dieser Kauf war nicht geplant, aber ich merkte schnell, dass ich nicht ein halbes Jahr ohne Gitarre auskommen würde. Natürlich war es kein hochwertiges Instrument, aber ich war zufrieden mit meiner Wahl. Es war eine Aria Pro II Stratocaster-Imitation. Dazu gab es ein schwarzes T-Shirt, das mir viel zu gross war und auf dem gross Aria Pro II stand.

Schon nach kurzer Zeit merkte ich, dass eine Gitarre her musste.

Einmal in der ersten Woche kam ich aus Auckland heraus: Ich fuhr mit der Fähre zur Insel Waiheke. Anstatt vom Hafen den Bus in die nächste Ortschaft zu nehmen, ging ich direkt auf einen Wanderweg, der vom Hafen auf einen Hügel hinauf führte. Bei strahlendem Sonnenschein leuchtete alles in Hellgrün und Vögel pfiffen. Einer dieser Vögel machte sehr lustige Geräusche, wie R2-D2 von Star Wars. Es war das erste Mal, dass ich Neuseelands Natur erlebte und ich war hingerissen. Ich begegnete kaum anderen Leuten, obwohl Waiheke ein beliebtes Ausflugsziel ist. Die Wanderung führte mich auf der anderen Seite hinunter an eine einsame Meeresbucht und von dort aus zur Ortschaft Oneroa, die einen breiten Sandstrand hatte. Dort trank ich in einer Bar ein Bier mit Ausblick aufs Meer. Es war die ganze Zeit über praktisch windstill und angenehm.

Nach etwa einer Woche ging ich in den Zoo und traf dort am Eingang Petra mit ihren zwei Töchtern. Unglaublich, dass man sich in einer Stadt mit 1,5 Millionen Einwohnern zufällig begegnet! Wir besuchten also den Zoo gemeinsam, es war noch eine andere Mutter mit ihrer Tochter dabei. Mir gelangen viele gute Fotos. Am Zoo gefiel mir vor allem die Pflanzenwelt – hier in Neuseeland wächst einfach alles, von Birken bis zu Palmen. Nur der Kiwi, das vermeintliche Highlight, war eine Enttäuschung. Um den nachtaktiven Vogel zu sehen, musste man einen sehr dunklen Raum betreten. Da stiess ich ständig mit Kindern zusammen, und den Kiwi konnte ich höchstens erahnen. An dem Ort, wo er durch lief, befand sich eine riesige Traube von Kindern.


Das Aquarium von Auckland gefiel mir auch, hatte aber noch mehr schreiende Kinder. Ich ging unter anderem unter einem Tunnel durch, respektive wurde auf einem Rollband durchgeführt, und konnte rundherum Fische beobachten. In diesem grossen Becken hatte es auch Haie. Ansonsten machten mir die Seepferdchen Eindruck: Sie schwammen nicht senkrecht, sondern waagrecht im Wasser und sahen eher aus wie Würmer. Vermutlich handelte es sich gar nicht um Seepferdchen, sondern um eine andere Seenadel-Art.

In diesen ersten zwei Wochen in Auckland musste ich mir ein Auto besorgen. Denn bereits meine nächste Unterkunft befand ich mitten in der Pampa, wo ohne Auto gar nichts ging. Ausserdem wollte ich ja herumreisen, und zwar mit viel Gepäck – nun auch noch mit einer Gitarre. Einen Camper wollte ich allerdings nicht. Ich wollte in einem richtigen Bett schlafen und bequemen Zugriff auf ein Bad und eine Küche haben. Ich suchte also einen kleinen Personenwagen.

Für fast ein halbes Jahr lohnte es sich eindeutig, ein Auto zu kaufen. Auf trademe.co.nz entdeckte ich einen Suzuki Swift, Jahrgang 2005, 120’000 Kilometer, Automat, ein Vorteil in einem Land mit Linksverkehr. Das Auto hatte WOF (warranty of fitness, so etwas wie TÜV oder MFK in der Schweiz) bis September 2025, das überzeugte mich. Der Privatverkäufer war ein junger Typ, sehr schusselig. Er sagte, das Auto sei von seiner Freundin, knallte die Motorhaube zu, obwohl noch der Stützständer drin war. Der Motor stotterte auch einmal, aber ich hätte es gar nicht bemerkt, wenn er es nicht angesprochen hätte. Mein Bauchgefühl war nicht gut. Aber ich wollte die Sache möglichst schnell abschliessen, damit ich ein Auto auf sicher hatte. Ich kaufte es für 4800 NZ-Dollar, etwa 2500 Franken.

Der administrative Kram war einfach. Neuseeländer konnten den Halterwechsel ganz einfach online durchführen. Ich musste auf eine Poststelle, die hier in einem kleinen Lebensmittelladen integriert war. Das funktionierte auch. Die Haftpflichtversicherung war billig und liess sich online abschliessen. Eine Kasko-Versicherung schloss ich nicht ab. Die einzige Schwierigkeit war, dass ich einen internationalen Führerausweis benötigte. Den hätte ich in der Schweiz beim Strassenverkehrsamt bestellen müssen, aber das wurde mir erst hier auf Neuseeland klar. Nun waren die auf dem Amt nicht so flexibel, mir den nach Neuseeland zu schicken. Ich bestellte den Ausweis also an meine Schweizer Adresse und bat Michelle, die ab und zu meinen Briefkasten leerte, ihn mir nach Neuseeland zu senden. Das dauerte natürlich eine Weile, so musste ich den Führerausweis an meine nächste Unterkunft senden lassen.

Selbst in Auckland war alles aufs Auto ausgerichtet. Die Hafenbrücke, welche den nördlichen mit dem südlichen Stadtteil von Auckland verband, hatte etwa acht Autospuren, aber keine Spur für Fussgänger, Velofahrer, Scooter und ähnliches. Eine Bahn- oder Tramverbindung über die Brücke gab es auch nicht.

Einmal benutze ich eine der wenigen, sehr langsamen S-Bahn-Linien. Zudem standen überall diese Lime Scooter herum, Elektro-Trottinette. Ich benutzte zwei, drei Mal einen, fand den Dienst aber sehr teuer. Mich störte auch, dass nach Zeit abgerechnet wurde – dies schaffte den Anreiz, zu schnell zu fahren. Das Busnetz von Auckland war relativ gut ausgebaut, aber schwer verständlich. Ich brauchte manchmal mehr als eine halbe Stunde, um die Haltestelle für eine bestimmte Linie zu finden – obwohl ja in Google Maps eigentlich alles eingezeichnet war. Selbst die Busfahrer wussten teilweise nicht, wo die Busse fuhren. Sie kannten nur ihre eigene Linie. Zur Benutzung der Buslinien musste man eine Karte kaufen, die wie eine Kreditkarte aussah, und diese mit Guthaben aufladen. Dann checkte man über Kontaktleser (vermutlich NFC) ein und aus. Ein cooles System, zumal auch die Fähren darin integriert waren.