Whakamarama (17. Oktober bis 1. November 2024)
Autofahren im Zentrum von Auckland mit Linksverkehr war für mich nicht gerade stressfrei, aber sobald ich aus der Stadt und den Suburbs heraus aufs Land kam, wurde die Fahrt richtig schön. Die Sonne schien. Das heizte das Auto mit der Zeit mächtig auf, doch es hatte eine Klimaanlage. Ich hielt irgendwo in der Pampa an, um einen Kaffee zu trinken. Später führte die Strasse kurz einem Bach entlang, wo es gebirgig aussah. Wunderschöne Landschaft, aber ich konnte dort nicht anhalten. Etwas später vertrat ich mir die Beine in der schönen Natur. Die Luft war frisch.
Kurz nach Mittag war ich bereits bei der meiner neuen Unterkunft. Das Anwesen bestand aus vier Häuschen und einem riesigen Garten, es kam mir paradiesisch schön vor. Zwei dieser Häuschen waren für Gäste, im grossen wohnten Monika und Rolf, und dann gab es noch einen Geräteschuppen, in dem auch die Waschmaschine war. Monika empfing mich herzlich, auf Schweizerdeutsch. Sie wohnte mit ihrem Mann zusammen schon lange hier, beide stammten ursprünglich aus dem Berner Oberland. Nach kurzer Zeit brachte sie frisch gebackenes Brot.
Das grössere der Gästehäuschen war meine Unterkunft. Daran angrenzend zum gleichen Gebäude gehörte eine Werkstatt, eine Garage und das Bad für die Gäste des kleinen Häuschens. Dieses war so klein, dass kein Bad darin untergebracht werden konnte. Meine Unterkunft bestand aus zwei Räumen, dem Bad und dem Wohnraum. Der Schlafbereich lag hinten beim Bad und war durch eine schätzungsweise 1,5 Meter hohe Wand halb abgetrennt vom Rest. Auf der gegenüberliegenden Seite der Wand befand sich die Küche. Alles war modern eingerichtet und sauber. Am Sofa liessen sich Fusslehnen ausklappen. Es hatte auch einen Esstisch. Und einen TV, auf dem ich am liebsten den Maori-Sender mit seinen Hakas schaute, obwohl ich natürlich kein Wort verstand. Die Unterkunft hatte einen kleinen Holzofen, den ich abends ein paar Mal benutzte. Nachts fiel die Temperatur noch immer unter 10 Grad, und das Häuschen hatte keinerlei Isolation. Der Holzofen wärmte den grossen Raum etwas dürftig, war aber besser als ein Elektroofen. Tagsüber konnte es drinnen sogar zu warm werden, wenn die Sonne aufs Blechdach brannte.
Warmwasser wurde mit einer Gasflasche erzeugt. Es dauerte einige Zeit, bis warmes Wasser kam, und vor allem kam es nur, wenn man voll auf heiss drehte. Beim Duschen nicht unbedingt das, was man will. Ansonsten war aber alles perfekt. Am letzten Morgen in Auckland dachte ich noch, dass ich vielleicht enttäuscht sein würde, weil meine Erwartungen so hoch waren, aber dem war nicht so. Es war genau so schön, wie ich gehofft hatte.
In der ersten Nacht war es so ruhig, dass es mir beinahe unheimlich wurde. Gleichzeitig hörte ich ein Geräusch, das ich nicht einordnen konnte – es klang ein wenig wie das Atmen von Darth Vader, nur schneller. Später fand ich heraus, dass es von einem automatischen Insektenspray mit dem schönen Namen Mortein kam. Die Spraydose steckte in einem batteriebetriebenen Gehäuse, das bei Bedarf automatisch auf den Sprüher drückte. Dann zischte es.
Es hatte ein Jacuzzi im Garten, das ich jederzeit benutzen durfte. Da es oft kühl war, genoss ich es, mich darin aufzuwärmen. Auch zwei Hühner und zwei Katzen lebten hier. Ich beging den Fehler, die Hühner am ersten Abend mit etwas Reis zu füttern. Die merkten sich das und warteten fortan immer vor meiner Türe, bis ich herauskam. Dadurch lag vor der Türe meistens Hühnerkot. Monika putzte den zwar fleissig weg, aber das war eine Sisyphusarbeit. Wenn ich nicht aufpasste, kamen die Hühner auch ins Haus. Lisi, die eine Katze, wurde mit der Zeit sehr anhänglich; besonders als Monika und Rolf mal einen ganzen Tag weg waren. Am letzten Tag, als ich losfahren wollte, sprang Lisi in den Kofferraum und wollte nicht mehr heraus. Als ich sie endlich rausbekommen hatte, sprang sie auf die Rückbank des Autos. Sie wollte mich offensichtlich nicht gehen lassen.
Der Ort hiess Whakamarama, es handelte sich aber nicht um ein Dorf, denn es gab keines. Es war eher die Bezeichnung für die Gegend. In Gehdistanz hatte es nichts ausser andere Häuser mit Privatgrundstücken. Bethlehem, ein Vorort von Tauranga, war mit dem Auto in 15 Minuten erreichbar. Dort hatte es einen grossen Woolworths-Supermarkt.
Das Meer war ebenfalls nicht weit weg. Der schnellste Weg dahin war bei Omokoroa, dort gab es aber nichts zu sehen oder zu tun. Viel interessanter war es beim grossen Sandstrand in Mount Maunganui. Mount Maunganui heisst sowohl der Berg als auch die direkt darunter liegende Ortschaft. Beides befindet sich direkt neben Tauranga. Am Strand nahm ich zwei Surflektionen. Ich war erstaunt, dass ich auf Anhieb einige Wellen surfen konnte. Natürlich nur Weisswasser, aber immerhin. Ich hatte vor über 20 Jahren mal in Portugal etwas gesurft, zwei Wochen lang den ganzen Tag, doch nur sehr wenige Wellen erwischt. Seither war ich nur älter geworden. Die Bedingungen waren aber offensichtlich gut für Anfänger. Das Wasser war kühl im Oktober, aber mit dem Wetsuit gut eine oder zwei Stunden auszuhalten.
Aussicht vom Mount Maunganui auf Tauranga.
Wandern oder Spazieren war auf Neuseeland oft nur in speziell dafür vorgesehenen Gebieten wie Parks oder Naturreservaten möglich. Es gab kein flächendeckendes Wanderwegnetz wie in der Schweiz, und grosse Gebiete waren Privatgrundstücke. So konnte ich von Zuhause aus eigentlich nur der asphaltierten Strasse nach, was keineswegs schön war. Als ich das anfänglich mal versuchte, fuhr ein entgegenkommender Autofahrer voll auf mich zu, obwohl ich mich auf der Gegenseite neben der Strasse befand. Ich weiss nicht, ob er mir aus Spass einen Schrecken einjagen wollte oder beinahe eingeschlafen war. Jedenfalls fand ich es nicht witzig.
Es gab jedoch in der Nähe einige solche Orte, die sich für einen Spazierausflug lohnten. Zuerst besuchte ich das Puketoki Reserve, das war im Prinzip einfach ein Wald. Aber einer mit Wanderwegen und mit einheimischen Pflanzen, kein Nutzwald. Es gefiel mir sehr. Überall Silberfarne, die ich damals noch für Palmen hielt. Zwitschernde Vögel, wenig Leute, ein Ort der Ruhe und Erholung. Und kein Handyempfang, obwohl ich mich keineswegs fernab der Zivilisation befand. Wie ich mit der Zeit feststellte, war das auf Neuseeland auch im Jahr 2025 noch vollkommen normal.
Putekoki Reserve. Die Silberfarne hielt ich damals noch für Palmen.
Das nächste Ausflugsziel war der McLaren Falls Park. Auch hier hatte es kaum andere Besucher. Ich spazierte wieder durch einen Wald, kam an einen idyllischen See, mit Bäumen, die aus dem Wasser wachsen, Gänse, Enten und schwarze Schwäne. Angeblich hätte man hier auch Glowworms bewundern können, diese Fäden von Mückenlarven, die in der Nacht leuchten. Dafür hätte es aber dunkel sein müssen. Der Park schloss um halb acht Abends – keine Ahnung, wie das hätte funktionieren sollen.
Der nahe gelegene Te Puna Quarry Park war deutlich kleiner als der McLaren Falls Park, aber dafür an einem steilen Hang mit toller Aussicht auf das Meer und den Mount Maunganui. Es roch sehr gut. Mit Skulpturen und anderer Kunst, vielen Häuschen und Sitzgelegenheiten war der Park sehr liebevoll eingerichtet, dazu schöne Pflanzen. Orchideen blühten und grosse Rhododendren.
Auch ziemlich in der Nähe befanden sich die Papamoa Hills. Von unten sah es nicht so toll aus; ich wanderte etwa zweihundert Höhenmeter durch eine Schafweide. Oben hatte ich rundherum ein sehr weites Panorama, mit Schafen hübsch über die Landschaft drapiert. Eindrücklich waren diese riesigen, frei stehenden, knorrigen Bäume.
An einem schönen Tag fuhr ich Richtung Coromandel Peninsula – die gesamte Küste sah im Internet vielversprechend aus. Ich hatte allerdings keine Lust, den ganzen Tag Auto zu fahren und hielt schon relativ früh, am Waihi Beach. Das war grosser, ziemlich menschenleerer Sandstrand. Viele hübsche, angeschwemmte Muscheln. Zum Baden war es nach wie vor viel zu kalt. Ich unternahm einen Spaziergang zum nächsten Sandstrand weiter nördlich; der Weg führte wieder einmal durch einen dieser wunderschönen Wälder. Dieser zweite Strand war kleiner, aber schöner, mit Bäumen, deren Äste dem Sand nach Richtung Meer wuchsen und sich dort in den Boden eingruben, als wären es Baumstämme. Märchenhaft sah das aus. Ich rollte das zu kleine Badetüchlein unter dem Halbschatten eines solchen Baumes aus, starrte die Wolken an und lauschte dem Meer. Gegen Mittag kamen vermehrt andere Leute. In der Sonne schmoren war wohl keine gute Idee, im Schatten hingegen war es nicht richtig warm; ich machte mich also auf den Rückweg. Dort ass ich im so ziemlich einzigen Restaurant des Ortes einen Beefburger mit Fries. Der schmeckte gut, und ich merke, dass es mir gut tat, mal über Mittag was Rechtes zu essen, statt immer abends um sechs völlig ausgehungert zu sein. Erst jetzt begriff ich, dass man in Neuseeland immer an den Tresen gehen musste, um in einem Restaurant zu bezahlen.
Am Nachmittag fuhr ich nach Bowentown. Das lag am Ende einer ganz schmalen, langgezogenen Halbinsel. Die Halbinsel an sich war überraschend langweilig. Am Ende hatte es einen Hügel mit eigentlich toller Aussicht, doch das schöne Wetter war da bereits wieder vorbei und ich bekam trotz vieler Versuche kein gutes Foto hin.
Ein weiterer Tagesausflug führte mich nach Rotorua. Der Kurort ist bekannt für ihre warmen Quellen und liegt an einem See. Ich war enttäuscht. Die Stadt war seltsam leer, tote Hose, Geysire oder so was gab es nicht, nur so dampfende und blubbernde Stellen, die aber nicht schön farbig wie in Island waren, sondern braun. Es gab keine Fussgängerzone, wo man hätte flanieren können, stattdessen sechsspurige Strassen und riesige Parkplatzflächen. Die Besonderheit von Rotorua: es stank überall nach faulen Eiern. Ich blieb nicht lange in der Stadt, sondern fuhr zum nahe gelegenen Blue Lake, der kleiner war als der grosse Lake Rotorua. Er war tatsächlich blau, es hatte auch Leute im Wasser, vielleicht war das Wasser warm, vielleicht waren die Maori aber auch einfach temperaturunempfindlich, jedenfalls hatten sie grossen Spass, dem Gelächter nach. Es hatte ein lustiges Amphibienfahrzeug für Touristen, das in den See fuhr und dort zum Boot wurde. Ich spazierte ein wenig dem See entlang, aber für eine Umrundung hatte ich zu wenig Zeit. Weiter hinten war jemand am Wakeboarden. Vom Blue Lake dauerte es nur fünf Minuten zum Lake Okareka, also besuchte ich auch noch. Hier war nichts los, und ich blieb nur kurz.
Wieder zuhause, brachte mir Monika ein Stück Apfelwähe. Es gab auch selbstgemachtes Sauerteigbrot, selbstgemachte Konfiture, Avocados vom Nachbarn und Lemonades aus dem eigenen Garten.
Gegen Ende meines Aufenthaltes hier besuchte ich das Hobbiton. Dies ist das Hobbit-Dorf, das Peter Jackson für die Dreharbeiten seiner Lord-of-the-Rings-Filme verwendet hatte. Ein Ticket musste man lange im Voraus buchen – dies war darum die einzige Aktivität, die ich bereits von der Schweiz aus organisiert hatte. Das Hobbiton war der Grund, weshalb ich diese Unterkunft gebucht hatte. Es befand sich relativ nahe bei Whakamarama, etwa eine Autostunde entfernt – in the middle of nowhere. Jackson flog 1998 mit dem Helikopter übers Land und fand, hier sehe es nach einem geeigneten Platz aus. Die Landschaft bestand aus vielen, sehr kleinen Hügelchen, Gras und vereinzelten Bäumen. Also ging Jackson zum Schafbauer, dem das Land gehörte, und erklärte, was er vorhatte. Der Bauer hatte noch nie etwas von Lord of the Rings gehört und verstand auch sonst nicht, dass hier etwas passieren würde, was sein Leben verändern sollte. Zu Jackson sagte er, er könne gerne das Land inspizieren, aber er, der Bauer, schaue jetzt erst mal die Rugby-Partie zu Ende.
Die Gegend war bei meinem Besuch noch immer eine riesige Schaffarm. Von den 13000 sehr süssen Schafen schaffte es keines in einen Film, weil Jackson fand, die Schafe sähen zu modern aus.
Ich konnte gleich rein, obwohl ich eine halbe Stunde später gebucht hatte. Man stieg zuerst in einen Bus, der zum Dorf fuhr, und bekam dabei einige Informationen zur Entstehung des Hobbit-Dorfes. Das Dorf war grossartig. Nicht nur die Höhlenhäuschen mit den runden Fenstern und Türen, auch die Gärten und Eingänge mit diversen Gegenständen, alles sehr liebevoll gemacht. Ein Haus konnte man betreten und die verschiedenen Zimmer anschauen. Es war ziemlich gross. Die Möbel dagegen sehr klein, für Hobbits. Sehr niedlich. Ich war in einer Gruppe von vielleicht zehn oder fünfzehn Leuten unterwegs. Beim Fotografieren musste ich schon aufpassen, dass mir niemand ins Bild lief – aber es war möglich, gute Fotos zu machen. Ich fand auch das Tempo der Führung gut, weder zu langsam noch zu schnell.
Es war nicht von Beginn an geplant, den Ort zu einer dauerhaften Besucherattraktion zu machen. Daher wurde alles so gebaut, dass es nicht lange hielt. Später wurde das ganze Dorf neu gebaut – für ein dauerhaftes Bestehen. Ich sah also streng genommen nicht das Original-Filmset, aber das war mir herzlich egal.
Ich hatte als Besuchszeit späten Nachmittag gewählt, weil ich auf gutes Licht für Fotos hoffte. Was ich nicht wusste: Die Szenen im Film, die im Abendlicht spielten, wurden tatsächlich frühmorgens gedreht. Denn abends scheint die Sonne von der falschen Seite, die Hügel des Dörfchens liegen im Schatten und man fotografiert ins Gegenlicht. Aber an diesem Tag war das alles relativ egal, denn die Sonne schien eh kaum.
Der knorrige Baum über dem Haus von Bilbo Beutlin war als einziger künstlich. Und noch ein Fun Fact: Ian Holm, der Bilbo Beutlin spielte, war nie im Hobbiton Movie Set. Er war schon alt und fühlte sich nicht fit genug, um nach Neuseeland zu reisen. Alle seine Szenen wurden in Grossbritannien gedreht.
Am Ende bekam jeder Besucher noch ein Ale im Green Dragon Inn. Das Wetter war an jenem Nachmittag nicht optimal, ich hatte aber grosses Glück – der Regenschauer begann just, als ich zehn Meter vom Pub entfernt war.

