New Plymouth (7. bis 14. November 2024)
Die Autofahrt von Taupo nach New Plymouth führte durchs Landesinnere, wo viele Kilometer gar nichts war ausser Kühen, Schafen und grünen Hügeln. Tankstellen waren rar gesät, insbesondere solche mit 95er-Benzin, welches ich laut Autoverkäufer verwenden musste, damit der Motor nicht stotterte. In Neuseeland war 91er Standard, in der Schweiz völlig unbekannt. Ich musste schliesslich doch auf 91er ausweichen, damit das Auto nicht irgendwo im Niemandsland stehen blieb. Das Auto fuhr damit bestens.
Als ich ans Meer gelangte, führte die Strasse den drei markanten Felsen «Three Sisters» entlang, wo ich kurz anhielt. Der Wegweiser führte zwar in die Nähe dieser Felsen, aber man sah sie nicht. Etwas hatte ich jedoch auf meinem Neuseeland-Trip bereits gelernt: Wenn etwas nicht klappt, einfach mal innehalten. Sich etwas Zeit geben. Oft entdeckte ich dann eine Lösung. Auch hier fand ich nach kurzer Zeit eine Stelle mit hervorragendem Blick auf die Three Sisters. Hier war kein Mensch.
An der Westküste hatte es hohe Wellen und steinige Schwestern.
Die Unterkunft in New Plymouth war unglaublich schön, idyllischer noch als in Whakamarama. Ein kleines grünes Holzhaus inmitten eines Gartenparadieses, zum Garten gehörte ein kleiner Privatwald mit eigenem Bach, in dem ein 18-jähriger Aal schwamm. Weiter vorne ein Teich mit Seerosen und das wesentlich grössere Haupthaus, wo die Vermieter Oliver und Emily mit ihrer kleinen herzigen Tochter wohnten. Ihr Haus war fantastisch. Gross, hell, modern, man blickte direkt auf den Teich.
Im Inneren sah das Studio schön aus und war offensichtlich neu oder kürzlich renoviert – aber recht unpraktisch. Der Tisch wackelte und quietschte, auch am Stuhl waren Schrauben locker, es gab erneut keinen Kleiderschrank oder sonst einen Ort, um die Kleider zu verstauen, es gab keine freien Steckdosen, keinen Halter, um Shampoo und Seife hinzustellen, wenn ich im Bad etwas an den Haken hängte, konnte ich das Badezimmermöbel nicht mehr öffnen, und last but not least funktionierte das WLAN im Zimmer nicht. Ich musste nach draussen auf den Gartensitzplatz. Es gab auch hier keine Küche, dafür Geschirr und Wasserkocher.
Am ersten Morgen hatte ich kein warmes Wasser in der Dusche. Die beiden Gastgeber entschuldigten sich vielfach und unternahmen sofort alles mögliche, Oliver wechselte die Gasflasche aus und bestellte einen Klempner, als das nichts brachte. Am Ende stellte sich heraus, dass ich nur hätte den Reset-Knopf über dem Stromstecker drücken müssen. Beim Versuch, mein Handy zu laden, hatte ich dort vermutlich aus Versehen etwas deaktiviert. Peinlich.
Die Unterkunft befand sich in einem kleinen Naturparadies.
New Plymouth war typisch neuseeländisch: Hässliches Stadtzentrum, wunderschöner Stadtgarten. Im Pukekura Park befanden sich mehrere Seen, eine Fernery (Farnerei, aber vor allem mehrere Gewächshäuser mit vielen blühenden Pflanzen), ein kleiner Wasserfall, eine Freiluftbühne, ebenfalls auf einem Teich. Im ganzen Park kaum Leute, ruhig, erholsam. Oberhalb des Parks lag ein kleiner kostenloser Zoo. Dort wurde ich umgehend wieder hinauskomplimentiert, weil die Besuchszeit um vier Uhr Nachmittags bereits vorbei war. Später holte ich den Besuch nach. Lustige Otter gab es zu sehen, ansonsten war es eher ein Kinderspielplatz.
Das Quartier meiner Unterkunft hiess Vogeltown und lag leicht erhöht; ich brauchte nur zwei Kurven die Strasse hinauf zu gehen, schon hatte ich einen prächtigen Blick auf den Mount Taranaki alias Mount Egmont. Allerdings nur bei schönem Wetter. Ich fuhr zwei Mal zum Berg. Das erste Mal bei schlechtem Wetter, weil ich von Emily den Tipp erhalten hatte, dass dort ein «Goblin Forest» zum Wandern liege, der so toll sei, dass es aufs Wetter überhaupt nicht ankam. Als ich bei 8 Grad auf dem Parkplatz stand und das Auto vom Wind wackelte, war ich zunächst skeptisch und zögerte, überhaupt auszusteigen. Doch einmal im Wald, war der Wind wie weggeblasen und die Wolken respektive der Nebel lichtete sich. Es wurde eine schöne Wanderung.
Wandern im Goblin-Wald.
Noch besser dann die Wanderung den Mount Taranaki hinauf bei anfänglich allerschönstem Wetter. Auf den Gipfel wollte ich nicht, das wären laut Wegweiser acht bis zehn Stunden gewesen, möglicherweise auch mit Klettern verbunden und nicht ungefährlich. Ich ging einfach Richtung Gipfel, zuerst durch einen Wald, erstaunlich schnell war ich aber über der Waldgrenze und hatte eine fantastische Aussicht. Ich wanderte bis zu einem Turm mit einer Antenne oder so was; es war nun kurz nach elf Uhr. Der Gipfel war dann bereits in den Wolken. Am Nachmittag fuhr ich an den schönen Paritutu Beach mit markanten Felsinseln und schwarzem Sand, erlebte also das Neuseeland-Klischee «Schneeberge und Strand an einem Tag». Bei Ebbe kraxelte ich auf eine der Inseln, was die Möven dort allerdings gar nicht cool fanden – sie schrien mich an, als gäbs kein Morgen. Also kehrte ich um und holte mir nasse Füsse, weil die Ebbe schon wieder vorbei war.
Ein weiterer Ausflug führte mich nach Pukeiti, einem Rhododendron-Garten mit angrenzendem Regenwald. Sehr hübsch gemacht, einmal mehr. Besonders der Bach mit dem Wasserrad. Am Morgen kaum Leute, einmal mehr. Der Eintritt war gratis, es hatte ein Café und saubere Toiletten. Der Regenwald-Teil war sehr viel grösser als der Garten, wie ich feststellte, als ich drin herumwanderte. Ich kam zu einer Hütte, die geschlossen war. Trotzdem gefielt mir alles sehr gut.
Auch in New Plymouth brauchte ich das Auto, um zum nächsten Supermarkt oder sonst wohin zu gelangen. Überall diese Suburb-Einfamilienhäuschen-Strukturen. Alle machten alles mit dem Auto (ich auch, es ging ja nicht anders), und somit gab es immer Stau. Natürlich chauffierten die Leute auch ihre Kinder von und zur Schule und produzierten dort zwei Mal am Tag ein schönes kleines Verkehrschaos. Da ich keine Küche hatte, checkte ich einige Imbissbuden aus. Diese waren sehr günstig, jedenfalls verglichen mit dem Supermarkt, und gar nicht schlecht. Insbesondere Butter Chicken hatte es mir angetan – das kannte ich zuvor nicht. Auch wenn ich lieber nicht wissen wollte, was für ein Leben diese Hühner hatten, bevor sie auf meinem Teller landeten.
Emily erzählte mir, dass Oliver nicht glücklich sei hier und zurück nach Australien wolle. Die beiden wohnten erst 18 Monate hier, vorher in Brisbane, und noch vorher in England. Oliver fand das Schulsystem in Australien besser – und die Surfwellen. In Brisbane war es den beiden aber offenbar zu heiss. Die beiden lebten in einem Paradies und hatten eine super niedliche Tochter. Warum waren sie nicht glücklich? Ich verstand es nicht ganz.
Dabei war ich selbst nicht glücklich, ich spürte hier erstmals deutlich die Einsamkeit. Ich war nun mehr als einen Monat von Zuhause und all meinen Freunden weg. Paradoxerweise äusserte sich das darin, dass ich alleine sein wollte. Ich ärgerte mich, dass auf dem riesigen Parkplatz beim Mount Taranaki das einzige andere Auto direkt neben meines fuhr. Oder dass eine Frau, die nur unweit von diesem Parkplatz am Wegrand urinierte, danach versuchte, mit mir Small Talk zu führen und dadurch die Situation noch peinlicher machte als sie eh schon war.

