David Lee

Web 1.0

Wellington (14. bis 28. November 2024)

Laut Routenplaner hätte es 4,5 Stunden für die 350 Kilometer von New Plymouth nach Wellington dauern sollen; tatsächlich brauchte ich deutlich länger. Die Landschaft, in Neuseeland generell wunderschön, war auf diesem Abschnitt nichts Besonderes. Auch die Dörfer und kleinen Städte kamen mir wenig attraktiv vor. Am besten gefiel mir noch Stratford; dieser kleine Ort war zwar abgefuckt, aber auf eine charmante Art – es sah ein wenig aus wie in einem Western. Otaki, wo ich kurz anhielt, gefiel mir gar nicht. Es gab nicht mal ein Cafe, das offen hatte und einigermassen einladend aussah. Dafür wollte mir einer Drogen verkaufen.

Überall Baustellen auf den Strassen. Dafür, dass so viel neu gemacht wurde, waren die Strassen in einem erstaunlich schlechten Zustand. Es gab auf Neuseeland auch kaum Autobahnen wie bei uns; meist waren es Überlandstrassen, die durch durch Dörfer führten, mit Fussgängerstreifen, Verkehrsampeln und allem drum und dran.

In Wellington wohnte ich bei Nicci; ich hatte ein Zimmer in ihrem kleinen Haus. Nicci war selbstständige Interior-Designerin und dementsprechend stilvoll war alles eingerichtet. Ich fühlte mich auf Anhieb wohl; vor allem wegen Nicci selbst. Eine total nette, unkomplizierte und offene Frau. Sie hat sich gleich am ersten Abend Zeit genommen für einen längeren Schwatz. In Gesellschaft von Minty, ihrer alten Katze. Diese war anscheinend taub und erschrak, wenn man sich ihr von hinten näherte. Wahrscheinlich hatte sie auch Verdauungsbeschwerden, jedenfalls maulte sie ständig herum, unter anderem vor mehreren vollen Fressnäpfen. Sie genoss es aber sehr, wenn ich sie streichelte.

Die alte Dame macht ein Mittagsschläfchen.

Von allen neuseeländischen Städten war Wellington am ehesten mit einer europäischen Stadt vergleichbar. Ich hatte hier das Gefühl, in einer richtigen Stadt zu leben und nicht bloss in einer riesigen Ansammlung von Einfamilienhäusern. In Auckland war das auch so, aber nur weil ich mitten im Zentrum wohnte. Sobald ich mich etwas davon entfernte, bestand auch Auckland aus endlosen Suburbs. In Wellington dagegen hatten selbst die Aussenquartiere ein wenig städtischen Charakter. Ich wohnte im Ortsteil Brooklyn. Der bestand zwar auch überwiegend aus kleinen Häuschen, es gab jedoch eine Art Zentrum mit Cafés, kleinen Läden, Bankomat und ähnlichem – und vor allem war alles viel näher beisammen, durchaus fussgängertauglich. Das lag vor allem daran, dass Wellington durch steile Hänge begrenzt war. Autofahren war die Hölle, es ging immer sehr steil bergauf oder bergab und die Strassen waren sehr eng. Einmal erhielt ich eine Parkbusse von 70 Dollar, weil mein Auto beim Seitwärtsparkieren in die falsche Richtung zeigte. Ich wusste nicht, dass das verboten war und fand es etwas lächerlich bei dieser Sackgasse, die so eng war, dass man eigentlich auf beiden Seiten direkt reinparkieren konnte.

In Wellington nutzte ich meist das gute, aber teure Busnetz. Wenn ich in den Doppelstöckern oben sass und durch die engen, steilen Strassen fuhr, stellte sich ein wenig Rollercoaster-Feeling ein. So gesehen war der Preis dann wieder günstig.

Am ersten Wochenende gab es direkt an unserer Strasse ein Quartierfest, an dem Bands auftraten. War ganz nett, aber am Abend wurde es mit dem Wind richtig kalt – ich fror sogar noch mit der Daunenjacke. An manchen Tagen hier war es aber auch überraschend schön – kein Wölkchen am Himmel und teilweise sogar windstill. Ich merkte aber schon, dass sich die Leute raues Wetter gewohnt waren. Als es mal sonnig und windstill war, rannten die Leute in Scharen an den Strand zum Baden, dabei lagen die Temperaturen gerade mal bei 18 Grad. Nicci hatte ein Jacuzzi im Garten, das aber kaputt war.

Am ersten Tag ging ich zu Fuss ins Stadtzentrum. Der Weg war schön, weil er durch den Central Park und damit durch einen dieser Farnwälder führte, aber er war auch weit. Fortan nahm ich den Bus. Im Lauf meines Stadtaufenthalts besuchte das Museum of New Zealand, das Regierungs- und Parlamentsgebäude, den Aussichtspunkt auf dem Mount Victoria und den botanischen Garten. Dieser war über eine Seilbahn erreichbar, die ähnlich aussah wie die Polybahn in Zürich, und tatsächlich auch von einer Schweizer Firma gebaut wurde. Ab und zu trank ich in einem Pub am Meer draussen ein Bier oder sass mich auf eine Bank um etwas zu essen. Sehr viele Leute taten dies ebenfalls, es erinnerte mich ein wenig an Zürich.


Einige Orte besuchte ich aber doch mit dem Auto, zum Beispiel das altehrwürdige Kino Roxy, das in Miramar lag – noch weiter vom Zentrum entfernt als der Flughafen. Auch die gleichnamige Halbinsel erkundete ich per Auto und fand am Ende heraus, dass ich hätte nach Süden statt nach Norden fahren sollen. Die Südküste der Halbinsel war der einzige landschaftlich schöne Ort, mit wilden Felsen, an denen die Wellen bei unruhiger See spektakulär aufschlugen.

Mit dem Auto ging es auch zum Zealandia Wildlife Sanctuary. In diesem grossen Wildpark waren einheimische Vögel durch einen gut zwei Meter hohen, speziell für diesen Zweck entwickelten Zaun geschützt. Dieser hielt Säugetiere wie Katzen, Possums oder Hermeline draussen. Ausserhalb solcher Zonen waren die Vögel gegen die eingeführten Raubtiere schutzlos ausgeliefert. Da es ursprünglich keine Hermeline oder Katzen auf Neuseeland gab, verfügen die einheimischen Vögel nicht über genügend Flucht- und Abwehrmechanismen. Beim Beobachten kam mir das entgegen; die Vögel waren wie so oft auf Neuseeland nicht besonders scheu, so dass ich neben den üblichen Tui auch diverse andere Vogelarten sah. Darunter einen Kea und Little Shags, die sich selbst hier niedergelassen hatten. Natürlich hatte es auch überall Amseln und Spatzen. Auch dieses seltsame einheimische Reptil namens Tuatara sah ich. Viele Besucher, wie schon im Botanischen Garten.

Little Shag, eine Kormoranart

Ich unternahm einen kleinen Ausflug nach Days Bay, auf der gegenüberliegenden Seite der Wellington-Bucht. Ursprünglich wollte ich mit der Fähre hin, merkte dann aber, dass es mit dem Auto viel schneller und einfacher war. Viel zu sehen gab es nicht. Es hätte schöne Badestrände gehabt, aber mir war es nach wie vor zu kalt zum Baden. Als ich mir in einem einsamen Café einen Cappuchino und einen Mandelgipfel gönnte, merkte ich erstmals, dass ich Heimweh hatte.


An der Südküste, am Island Bay, war ich gleich zweimal. Ein hübscher Ort, von Brooklyn aus in etwa zehn Autominuten erreichbar. Das erste Mal nahmen mich Nicci und ihre Schwester Miriam mit – wir tranken am Meer einen Kaffe, danach gingen sie in einen Grocery Shop und ich stolperte etwas an der Küste herum, deren wilde Felsen mich faszinierten. An einem anderen Tag wanderte ich von dort aus über eine Schotterpiste zu den Red Rocks – auf dieser schönen Wanderung war ich durch die heftigen Nordwinde wenigstens teilweise geschützt.


Die ersten paar Wochen auf Neuseeland war ich immer wieder aufs Neue begeistert von diesen Spaziergängen durch die Wälder, Parks und Strände und dachte, meine Begeisterung dafür würde nie nachlassen. Doch hier in Wellington war es nun so weit. Die Schönheit des Landes wurde mir zunehmend gleichgültig, dafür ärgerte ich mich zunehmend, wenn etwas schief lief – wie etwa, dass ich schon zum zweiten Mal von einem Vogel angeschissen wurde.

Das Auto zickte immer mehr herum. Der Motor stotterte und stellte ein paar Mal am Rotlicht sogar ganz ab. Ich musste es in eine Garage bringen, doch das war logistisch nicht ganz einfach. Mein Aufenthalt hier in Wellington neigte sich dem Ende zu. Als nächstes stand ein fünftägiger Abstecher nach Sydney auf dem Programm. Einen Teil meines Gepäcks, zum Beispiel die Gitarre, wollte ich im Auto lassen, denn ich brauchte für diese fünf Tage nicht meinen ganzen Krempel. Nicci half mir aus der Patsche. Sie empfahl mir nicht nur einen Garagisten, sondern erklärte sich auch bereit, das Auto zu ihm zu bringen und wieder abzuholen, während ich in Sydney war. So hatte ich genug Zeit. Mein Gepäck durfte ich bei ihr im Keller unterbringen. Die meisten Häuser in Neuseeland haben keinen Keller, ihrer war streng genommen auch keiner. Im Prinzip stand das Haus an einem Hang auf Pfählen und der «Keller» war der Raum zwischen dem untersten Geschoss und dem Boden. Naturboden, keine Raumunterteilung, dunkel. Aber für meine Zwecke reichte es.

Nicci wollte mir das Pub von Garage Project zeigen, einer Brauerei aus Wellington. Da liess ich mich als Bierliebhaber nicht zweimal bitten, zumal ich das «Beer» genannte Bier von Garage Project schon mehrmals im Supermarkt gekauft hatte. Mir gefiel das ultraschlichte Branding. Im Pub hatte es ganz viele Biere zur Auswahl, und die anderen Biere hatten viel kreativere Namen und Designs. Es war wirklich cool dort. Man konnte zuerst in einem kleinen Glas degustieren, bevor man ein Bier auswählte. Ich trank ein Gold Top und dann ein dunkles «Screaming Goat», beide schmeckten gut. Wieder kam Niccis Schwester Miriam mit, die beiden standen sich sehr nahe. Es war lustig mit den beiden.

It's ... beer.

Der Zufall wollte es, dass ich in Wellington war, als hier Geschichte geschrieben wurde. Am 19. November versammelten sich etwa 50 000 Menschen vor dem Parlamentsgebäude – damit war es die bei weitem grösste Demo, die Neuseeland je gesehen hatte. Es war ein Protest der Maori gegen die Pläne der Regierung, den historischen Vertrag der Maori mit den Weissen von 1840 auszuhebeln (Te Tiriti o Waitangi). Die Maori wären damit nicht mehr als Minderheit geschützt. So verstand ich es jedenfalls – ich versuchte, mich ins Thema einzulesen, aber es war für mich sehr undurchsichtig. Offenbar gab es von Anfang an zwei verschiedene Versionen des Vertrags, mit erheblichen Unterschieden. Den Maori war es aber in den letzten 20, 30 Jahren gelungen, ihre Rechte stark zu verbessern. Nicci war den ganzen Tag im Stadtzentrum an den Demos, und als sie zurück kam, war sie sehr müde, sie schlief den Rest des Tages. Mir fiel zu spät ein, dass ich da ja auch noch hin könnte. Um 14:30 war es mehr oder weniger vorbei. Ich ging noch auf die grosse Wiese, wo Konzerte stattfinden. Es war recht gut besucht, aber ich konnte mich problemlos auf dem Gelände bewegen. Es gab für alle gratis Wasserflaschen. Die Veranstaltung war sehr friedlich, mindestens die Hälfte der Leute waren Maori. Das fand ich super.