David Lee

Web 1.0

Christchurch (23. Dezember 2024 bis 3. Januar 2025)

In Christchurch hatte ich aus mehreren Gründen keine gute Zeit. Zunächst einmal gefiel mir die Stadt nicht. Das Stadtzentrum war immer noch vom schweren Erdbeben 2011 gezeichnet, aber das war nicht das Problem. Die Stadt war an sich einfach hässlich. Die Neigung der Neuseeländer, alles mit kilometerweiten Häuschen-Suburbs zu überziehen, schien mir in Christchurch besonders ausgeprägt. Eine totale Autostadt. Ich hatte die Mehrzahl der Tage hier kein Auto; der zuckende Suzuki war in der Garage. Der Garagist war kompetent und entdeckte die Ursache des Motorstotterns: Eine Zündspule war defekt. Allerdings rief er nie an wie angekündigt, und ich verbrachte eine Menge Zeit mit vergeblichem Warten. Ich musste mich bei diesen Anrufen immer extrem konzentrieren, weil er einen starken indischen Akzept hatte, den ich nur sehr schwer verstand. Hinzu kam das ganze Auto-Fachchinesisch. Ich war angespannt, weil die Reparatur für mich extrem wichtig war.


Ein weiterer Grund, warum Christchurch kein Highlight war: Das Wetter war meistens schlecht. An meinem Ankunftstag war es schön und warm, fast heiss. Danach aber fast immer bewölkt und regnerisch. Am Sylvesterabend war es zu allem übel auch noch richtig kalt, so dass ich gar nicht aus dem Haus ging. Ursprünglich wollte ich im Stadtpark ein Konzert besuchen. Aber ich wusste, dass ich dann stundenlang frieren würde.

Weihnachten und Neujahr alleine zu verbringen, war weder geplant noch gewollt. Ich suchte mir für diese Zeit extra einen Ort aus, von dem ich dachte, dass er mir etwas Gesellschaft bieten könnte. Zuerst wollte ich nach Queenstown, aber da waren nur noch Zimmer oder Apartments für mehrere Hundert Franken frei. Die Unterkunft in Christchurch war extrem günstig, etwa 20 Franken pro Nacht. Eigentlich wäre es ja auch nur ein kleines Zimmer für mich und die Wohnung zur Mitbenutzung gewesen. Aber das junge Paar, das mir auf Airbnb einen sympathischen Eindruck gemacht hatte, war über die Festtage in Australien. Das erfuhr ich erst nach der Buchung. Ich hätte es stornieren können, fand es aber verlockend, eine eigene Wohnung zu so einem günstigen Preis zu bekommen. Ich schreibe «Wohnung», weil es wie üblich in Neuseeland ein einstöckiges Haus war. Von der Grösse fühlte es sich an wie in der Schweiz eine Dreizimmerwohnung. Es war aber ein Häuschen mit eigenem Garten. Bei schönem Wetter heiss, bei Regen kalt. Neuseeland halt.

Ich hatte das Häuschen für mich allein - mit allen Vor- und Nachteilen.

Gerne hätte ich die Katze gehütet, um wenigstens ein bisschen Gesellschaft zu haben, aber die Vermieter steckten sie während ihrer Ferien ins Tierheim.

Super hier war die Küche. Viel Platz, gut ausgerüstet. Generell war das Haus in einem guten Zustand, obwohl es recht alt gewesen sein muss. Häuser in Neuseeland haben ja keine Fensterläden, weil die Fenster nach aussen öffnen. Dieses Häuschen hatte an der Eingangsseite Fake-Fensterläden. Sie waren neben den Fenstern an die Wand montiert, unbeweglich.

Am einzigen schönen Tag fuhr ich mit der Gondel auf den Mount Cavendish, sagenhafte 450 Meter über Meer. Für mich als Schweizer war es eine ganz normale Gondelbahn, wie es sie zu Hunderten gibt, aber für die Leute hier war das etwas ganz Besonderes. Deshalb musste man lange anstehen und die Fahrt kostete 42 Dollar (hin und zurück). Man wurde beim Einsteigen fotografiert und konnte das Foto anschliessend mit einem QR-Tag herunterladen. Aber erst nachdem man 20 US-Dollar bezahlt hatte, was ich erst erfuhr, nachdem ich meine E-Mail angegeben hatte.


Die Aussicht war fantastisch, auf der einen Seite die Stadt, auf der anderen Seite Lyttleton und die Banks Pensinsula, dazwischen eine Strasse, die durch eine braune Berglandschaft führte und die vor allem zum Velofahren genutzt wurde. Ich machte einen kleinen Spaziergang, Wanderung konnte man das nicht nennen. Auf der Rückfahrt in der Gondel begegnete ich zum ersten Mal auf Neuseeland einem offensichtlich nicht netten Menschen. Nach drei Monaten! In der Schweiz würde das nie so lange dauern. Ein älterer Mann, vielleicht der Vater oder Onkel, mit zwei jungen Erwachsenen. Die junge Frau hatte Höhenangst, und der ältere Mann tat so, als fände er das unheimlich lustig. Die Gondel blieb stehen. Der ältere Mann schaukelte mit der Gondel, damit sie noch etwas mehr Angst bekam. Der junge Mann war mir schon beim Anstehen aufgefallen, hatte immer so verächtlich gegrinst, nicht aufgeschlossen in der Schlange, und so getan, als ginge ihn das alles nichts an. Er machte auch so ein bisschen mit bei den unlustigen Scherzen. Danach machte sich der alte über Asiaten in einer entgegenkommenden Gondel lustig, indem er ihnen völlig übertrieben und endlos winkte. Es war wirklich sehr lustig. Nicht.

Cashmere war laut einem Artikel, den ich gelesen hatte, das attraktivste Suburb in Christchurch. Wie sinnvoll es ist, ein Suburb zu besichtigen, sei mal dahingestellt, aber ich kam da wenigstens mit dem Bus hin. An der Endstation hatte es einen grossen Park mit Aussicht auf die ganze Stadt. Bei dem trüben Wetter war das allerdings nur so mittel und Parks hatte ich in Neuseeland schon viele und auch wesentlich bessere gesehen. Auf dem Rückweg begegnete ich einer älteren, sehr merkwürdigen Frau. Am Strassenrand hatte jemand Pflaumen offeriert. Die alte Frau wollte mir unbedingt diese Pflaumen andrehen, obwohl sie nicht von ihr waren – einfach weil die ja gratis waren. Ich wollte aber keine Pflaumen und mochte auch keine langen Erklärungen von wegen Reizdarm und Fruktoseintoleranz usw. abgeben. Sie schien mich für begriffsstutzig zu halten: Frucht! Plumb! Nimm! Da ich sie im Bus wieder traf, versuchte sie es zum dritten Mal, und dann drehte sie auch noch dem Busfahrer Pflaumen an, und einem alten Mann mit weissem Bart, aber der wollte auch nichts. Diese Frau war seltsam, aber seltsam war auch, dass mich das so nervte.

Im Park von Cashmere.

Als ich das Auto wieder hatte – im neuen Jahr – streifte ich sofort einen Pfosten, wo es den Rückspiegel aus dem Spiegelgehäuse raushaute. Zuhause brauchte ich ewig, um ihn wieder reinzukriegen, schaffte es aber irgendwann. So halb zumindest. Schliesslich fuhr ich auch zur Banks Peninsula. Die Fahrt war lange, 75 Kilometer, und zu einem schönen Teil führte die Route über Gebirgsstrassen. In Akaroa angekommen, musste ich feststellen, dass der kleine Ausflugsort völlig überlaufen bzw. überfahren war – es war ein Feiertag und halbwegs passables Wetter. Meine Versuche, irgendwo gemütlich einen Kaffee zu trinken, scheitern am Anspruch auf gemütlich. Ich verzichte darauf und spazierte durchs Dorf, weiter zu einem Park, dort ass ich meinen Proviant. Anschliessend machte ich mich auf Richtung «Misty Peaks Hike». Die Misty Peaks machten ihrem Namen Ehre. Unterwegs gelangte ich an einen sehr schönen Wasserfall. Als Schweizer war ich meist etwas unterwältigt von den neuseeländischen Wasserfällen, aber der hier war echt gut. Danach weiter bergauf, es war schwül und ich schwitzte. Ich wusste nicht genau, wo das alles hinführen soll und wie lange es dauert, und so kehre ich um 13 Uhr wieder um. Den Wanderweg hatte ich bergab in Nullkommanix absolviert, der weitaus grössere Teil der «Wanderung» war, zurück zum Auto am anderen Ende des Dorfs zu gelangen.

Wasserfall in der Nähe von Akaroa.

Dank den heutigen technischen Möglichkeiten war ich zwar physisch allein, ich chattete und telefonierte aber regelmässig. Michelle hinterliess eine längere Sprachnachricht, die als Podcast extra nur für mich daher kam. Normalerweise mag ich Sprachnachrichten nicht, aber das hier war toll.