David Lee

Web 1.0

Kurow (4. bis 6. Januar 2025)

Ich kam am frühen Nachmittag im kleinen Nest Kurow an. Die Unterkunft war auf einem Bauernhof, etwas ausserhalb des Dorfes. Ich fuhr einfach mit meinem Suzuki über die Wiese bis zu meinem Tiny House, einem umgebauten alten Schulbus, in dem ich zwei Nächte verbringen sollte. Sogleich kam Bianca, die Vermieterin und begrüsste mich sehr herzlich, das mit dem Auto war auch vollkommen okay. Ich war mir nicht sicher, ob diese Unterkunft etwas mühsam sein würde, denn im Bus hatte es keinen Strom. Das war aber kein Problem. Einerseits hatte ich vorgesorgt und mir bereits in Wellington eine fette Powerbank gekauft. Andererseits konnte ich die Powerbank oder Geräte mit Akku im Haupthaus an die Steckdose hängen. Dort befand sich gleich links neben dem Eingang ein Bad, das ich für mich alleine hatte. Im Bus hatte es eine kleine Kühlbox, so dass ich zum Beispiel Käse aufbewahren konnte, ohne dass er verdarb. Zudem bekam ich mehrere akkubetriebene Klemmlampen.


Es war an diesem Nachmittag total ruhig und idyllisch. Ich genoss es zunächst einfach, auf dem überdachten Vorplatz des Tiny House zu sitzen und der Stille zu lauschen. Nach einiger Zeit brach ich dann aber auf zu einem kleinen Ausflug. Etwa 30 Kilometer von der Unterkunft entfernt bei Benmore machte ich eine kurze Wanderung mit einer fantastischen Aussicht auf eine Seenlandschaft.


Abends kochte ich auf dem Gaskocher Kartoffeln und ass ein sehr einfaches Nachtessen auf dem Vorplatz. Da kamen mir fast die Tränen, weil ich alles so schön fand. Naja, vielleicht lag es auch an der Müdigkeit. Ich fütterte die Schweine mit Küchenabfällen. Sie kamen herangerannt, schubsten einander weg. Beim zweiten Mal waren auch die kleinen Frischlinge dabei. Die brachen sogar aus dem Gehege aus, gingen aber zum Glück selber wieder hinein. Wie sich später herausstellte, brachen die beiden Schlingel routinemässig aus und stellten auch sonst eine Menge Unfug an, aber niemand konnte ihnen böse sein.

In der Nacht musste ich zwei Mal pinkeln, was eine grössere Sache war: Ich musste mich anziehen und ins Haupthaus rüber, dort die Schuhe aus- und wieder anziehen. Da ich sehr früh ins Bett ging, musste ich das erste Mal bereits um Mitternacht raus. Dabei sah ich einen sehr schönen Sternenhimmel, die Milchstrasse war in allen Details zu sehen. Keine Lichtverschmutzung hier am Ende der Welt. Ich versuchte ein paar Fotos zu machen, aber ohne Stativ gelang mir keine brauchbare Aufnahme.

Das Haupthaus war riesig und hatte eine tolle, ebenso riesige Veranda. In dieser Gegend schien es jedoch abends nie warm zu sein, nicht mal im Sommer.

Um 6 Uhr stand ich auf, weil ich zum Mount Cook fuhr. In der klaren Nacht hatte es abgekühlt, die Temperaturanzeige des Autos zeigte 6 Grad an. Der umgebaute Bus war natürlich nicht isoliert, es musste darin ähnlich kalt gewesen sein. Ich machte mir mit dem Gasherd zwei Tassen Fertigkaffee und ass drei Cookies. Geduscht hatte ich am Vorabend. Ich wollte früh beim Mount Cook sein, weil ich riesige Touristenströme vermutete. Es war Sonntag.

Früh hiess nach halb neun, da die Autofahrt lange dauerte. Tatsächlich war der (durchaus grosse) Parkplatz um diese Zeit schon praktisch voll. Für die Toilette musste ich anstehen. Dann ging es auf den Hooker Valley Track, zusammen mit Dutzenden bis Hunderten anderen. Es war lange Zeit schattig und entsprechend kühl, aber windstill und darum gut auszuhalten. Der Weg führte über mehrere Hängebrücken und war weitgehend flach, jedenfalls nach Schweizer Massstäben. Zuerst sah ich eine Felswand mit einem eindrücklichen Gletscher von nahem, nachher lag vor mir der Mount Cook. Der war etwas weiter weg, aber dennoch eindrücklich. Am Ende gelangte ich zu einem Bergsee, auf dem kleine Eisberge schwammen – abgebrochene Gletscherstücke vom anderen Ende des Sees.


Ich war überrascht, dass die Route hier schon zu Ende war, wohl hauptsächlich deswegen, weil es keine richtige Steigung auf dem Weg hatte. Auf dem Rückweg verspürte ich dennoch so etwas wie Müdigkeit. Der Rückweg war aber hauptsächlich deswegen mühsam, weil es nun noch viel, viel mehr Leute hatte. Teilweise waren auch eindeutig mehr als 20 Personen auf den Brücken, trotz Warnschild, dass dies die Obergrenze sei. Auf dem Hinweg fand ich es trotz der Touristenmeute relativ angenehm – es war total ruhig, keine Flugzeuge, keine Helikopter, kein Autolärm, keine Motorsägen, nichts. Das wirkte sich irgendwie auf die Leute aus, die auch ziemlich ruhig waren.

Auf der Rückfahrt faszinierte mich die Farbe des Lake Pukaki. Hellblau bis helltürkis. So was hatte ich noch nie gesehen. Frühmorgens hatte der See noch ziemlich anders ausgesehen. Ich hielt an, um ein Foto zu machen. Danach fuhr ich in die falsche Richtung und merkte es lange nicht. Die eh schon lange Fahrt wurde so fast doppelt so lang und ich kehrte erst so gegen vier Uhr nachmittags zurück. Der Tag war somit gelaufen. Immerhin sah ich durch meine Irrfahrt auch noch den Lake Tekapo, an dem ich sonst nicht vorbeigekommen wäre. Auch er verblüffte mich mit seiner krass hell leuchtenden Farbe.

Die Farbe der Seen war unglaublich.

Abends genoss ich das dreigängige Menü, dass die Vermieter anboten. Obwohl ich nirgends Weinreben sah, sagten mir die Gastgeber, sie seien Winzer und ich konnte den hauseigenen Wein probieren.

In der zweiten Nacht hörte ich Schritte. Von der Kadenz her hätte es ein Mensch sein können, aber die Schritte kamen vom Dach. Ein Mensch auf dem Dach des Buses wäre sicherlich lauter gewesen. Unheimlich war es so oder so. Da das Geräusch nicht aufhörte, ging ich hinaus und sah ein Tier von hinten – ich konnte es nicht wirklich erkennen, aber vermutlich war es ein Possum. Die hellbraune Farbe des Fells und die Grösse passten, ebenso dass Possums auf Bäume klettern, oder in diesem Fall halt auf einen alten Schulbus, in dem ein Tourist schlafen wollte. Ich stiess einen Ruf aus, halb aus Überraschung, halb um das Possum zu vertreiben, aber es flüchtete stattdessen in Richtung Dachmitte und versteckte sich dort – über dem Busdach befand sich noch ein Wellblechdach, so dass das Tier dort geschützt war. Als ich wieder im Bett war, kommen die Schritte wieder. Ich hob die Klappe im Dach über dem Bett ein wenig an, und das wirkte. Ich hörte ein lautes Geräusch, das Possum war vermutlich vom Dach gesprungen, danach war es ruhig.

Diese Nacht war wieder klar, aber weniger kühl. Am Morgen war es kurz bedeckt, vielleicht Hochnebel, sehr bald aber wieder blauer Himmel. Leider musste ich schon weiterfahren. Hier wäre ich gerne noch länger geblieben. Die Gastgeber waren nicht da. Zum Abschied sass ich einfach noch ein bisschen vor dem Tiny House, hörte die Vögel zwitschern und die Hühner gackern.