David Lee

Web 1.0

Queenstown (15. bis 23. Januar)

Die Fahrt von Dunedin nach Queenstown dauerte etwa vier Stunden; zum Schluss musste ich noch durch ganz Queenstown fahren. Queenstown ist langgezogen, da sich der Ort dem Seeufer entlang streckt – und auf der Hauptstrasse hatte es Stau. Meine Unterkunft befand sich ganz am Ende der Stadt, in Fernhill. Zu Fuss ins Zentrum zu gehen, wäre weit gewesen, Parkplätze waren schwierig zu finden. Es gab aber einen Bus. Ich kaufte mir also zum vierten Mal auf Neuseeland eine Buskarte, weil jede Stadt ihre eigene Karte hatte. Benutzt habe ich sie praktisch nie.

Queenstown war um diese Jahreszeit sehr gut besucht. Alle Pubs und Restaurants waren überfüllt, der kleine Strand am See ebenfalls. Es war schwierig, eine einigermassen akzeptable Unterkunft zu bekommen, ohne ein Vermögen ausgeben zu müssen. In einem recht grossen Haus mit schönem Garten hatte ich ein Zimmer mit einer traumhaften Aussicht auf See und Berge. Im Zimmer hatte es viel Stauraum und ein riesiger Elektroofen als Hinweis, dass es im Winter hier kalt sein musste. Im Sommer war es tagsüber heiss. Die Sonne, die am Nachmittag aufs Blechdach brannte, heizte das Zimmer stark auf. Dazu wieder das übliche Problem in Neuseeland, dass sich die Fenster nur schräg stellen und von aussen nicht abdecken lassen. Nachts kühlte es allerdings immer schön ab, so dass es kein grosses Problem war.

Die Aussicht aus dem Zimmer.

Der Grund, warum das Zimmer dennoch relativ günstig war: Es war nicht nur weit weg vom Zentrum, sondern ich teilte Bad und WC mit vier weiteren Leuten im oberen Stock. Das an sich wäre kein Problem gewesen, aber da hatte es halt Gäste, nicht mal spülten, nachdem sie ihr Geschäft verrichtet hatten. Unten wohnte ein älterer Langzeitgast mit einem erstaunlichen Bierkonsum, sowie die Gastgeber plus Anhang, so dass ich die Küche mit fast zehn Leuten teilte. Das abgewaschene Geschirr musste ich auf bereits zuvor gespültes Geschirr auf dem Abtropfgestell türmen, wodurch wieder alles nass wurde – es konnte gar nie trocknen. Dementsprechend befand sich in den Schränken auch feuchte, müffelige Teller. Im Kühlschrank hatte jeder sein eigenes Fach, trotzdem verschwanden bei mir Käse, Eier und Bier.

Andererseits tat mir etwas Gesellschaft auch gut. Die Gastgeber waren zwei Inder. Kal, der ältere der beiden, lebte schon fast 18 Jahre in Neuseeland. Er war Veganer, machte jeden Morgen Meditation und sang Hare Krishna. Er war freundlich und gesprächig. Er erzählte, dass Queenstown in den letzten Jahren enorm gewachsen war. Frankton, der Stadtteil rund um den Flughafen, war grösstenteils neu. Neben mir logierte ein norwegischer Schriftsteller, mit dem ich einmal auf eine kurze Wanderung (eher ein Spaziergang) ging.

Letztlich blieben die Bekanntschaften hier aber sehr oberflächlich, was auch an mir selber lag – ich hatte keine Energie und auch keine grosse Lust, ganze Abende in Gesellschaft meiner Mitbewohner zu verbringen. So entschied ich mich dagegen, meinen Geburtstag mit ihnen zu feiern. Es wäre irgendwie seltsam gewesen. Wenn sie überhaupt zuhause gewesen wären.

An meinem Geburtstag unternahm ich eine Wanderung zum Lake Moko. Das war absolut herrlich! Der See befand sich in der Nähe, hatte aber eine schlechte Strasse dorthin, das letzte Stück davon nicht asphaltiert – ich ging die letzten zwei Kilometer zu Fuss. Wenige Leute. Selbst für Neuseeland-Verhältnisse aussergewöhnlich schöne Landschaft. Würde ich glatt als Geheimtipp bezeichnen.


Im Gegensatz zu Hanmer Springs hatte es in der Umgebung Queenstown genug Wandermöglichkeiten für acht Tage Aufenthalt. Gleich am ersten Tag Bobs besuchte ich den Cove View Point und Mount Crichton Loop Track. Den Cove View Point sogar zweimal: Ich fuhr abends nochmal hin, da dann die Sonne viel besser stand für ein Foto. Bei der Aussicht auf die bewaldete Bucht lohnte sich das.

Der Cove View Point.

Ebenfalls zweimal war ich bei der Auenlandschaft in Glenorchy – das erste Mal checkte ich nicht, dass man dort wandern konnte. Stattdessen fuhr ich daran vorbei in Richtung eines Ortes, der «Paradise» hiess – kam aber nie dort an. Denn die Strasse wurde zu einer staubigen Piste, die quer zur Fahrbahn ganz viele Unebenheiten aufwies. Wahrscheinlich eingehärtete Spuren von schweren Fahrzeugen. Jedenfalls holperte das extrem und machte auch dermassen viel Krach, dass ich es nach etwa drei Kilometern aufgab und umkehrte. In eine andere Richtung blieb die Strasse noch eine Weile asphaltiert, sogar in hervorragendem Zustand, und so gelangte ich dort an eine Flusslandschaft, die auf Google Maps als «Isengard Lookout» gekennzeichnet war.


Eine weitere Wanderung ganz in der Nähe war der 12-Mile-Track. Auch dieser Ort beinhaltete eine Location aus Lord of the Rings: Ithilien Lookout.

Teile der Landschaft waren erstaunlich karg. Der Queenstown gegenüberliegende Berg am See war baumlos. Die Südhänge auf der Queenstown-Seite dagegen waren bewaldet. Obwohl die Temperaturen tagsüber 30 Grad erreichten, blieb der See kalt. Man konnte baden, ich hielt es allerdings nur ganz kurz im Wasser aus. Es war sicher unter 20 Grad.

Um seinen Aufenthalt in Queenstown etwas aufregender zu gestalten, kam Mr. Lee auf die brillante Idee, er könne sich ja mit dem Rasiermesser eine tiefe Wunde in den Daumen schneiden. Das brachte etwas Farbe in den grauen Alltag, nämlich Rot. Die Farbtupfer im Bad waren gar nicht so einfach wegzubekommen, da ich währenddessen fröhnlich weiter blutete.

Ein Tagesausflug führte mich nach Wanaka. Dort war es über 30 Grad heiss. Der See musste deutlich wärmer gewesen sein als der Lake Wakatipu bei Queenstown – es waren viele Leute am Baden. Das Ufer des Lake Wanaka war auch flacher. Wegen meines Missgeschicks mit dem Rasierhobel konnte ich an dem Tag nicht baden. Ich wanderte ein wenig dem Ufer entlang. Dort gab es den berühmten Wanaka Tree, der alleinstehend aus dem Wasser wächst und den alle fotografieren mussten. Man musste Schlange stehen für ein Foto. Dabei gab es ein paar hundert Meter weiter hinten einen ganz ähnlichen Baum, für den sich niemand interessierte.


An jenem Tag wusste ich noch nicht, dass ich schon bald eine weitere Woche in Wanaka verbringen würde.