Singapur (10. bis 13. März)
Das Flugzeug war fast voll, aber glücklicherweise war der Platz neben mir frei. So konnte ich meine Ellbogen und Beine halten, wie ich es gerade bequem fand. Ich war viel zu müde, um zu lesen oder etwas in der Art, und döste die meiste Zeit einfach vor mich hin – richtig schlafen konnte ich nicht oder nur kurz. Im Flugzeug war es kalt, ich fror trotz der Decke, die jeder bekam, und obwohl ich lange Hosen und einen leichten Pullover an hatte. Ansonsten aber war der Flug angenehm. Auch am Flughafen Changi flutschte dieses Mal alles perfekt, Passkontrolle vollautomatisch ohne Anstehen, Einreisekarte wurde auch automatisch kontrolliert, der Koffer war schon auf dem Fliessband, als ich kam. Es war gegen sieben Uhr morgens und immer noch dunkel. Ich spielte noch das Balatro-Game fertig, das ich im Flugzeug begonnen hatte. Dann hielt ich nach einem Café Ausschau, fand aber nichts, und fuhr mit einem Taxi zum Hotel. Ich buchte im Hotel Amara, in dem ich schon auf der Hinreise gestrandet war. Ich wollte ein gutes Hotel, das aber nicht so absurd teuer war wie das Marina Bay Sands. Das Amara war genau richtig.
Dort konnte ich bereits das Zimmer beziehen, obwohl es erst halb neun war. Es lag im sechzehnten Stock, die Aussicht war aber nicht so toll: Ich sah andere Hochhäuser, die meisten davon recht hässlich. Ich trank einen Kaffee auf dem Zimmer und noch einen in der Shopping Mall nebenan, zusammen mit einem Doughnut und einem anderen leckeren Süssgebäck. Und da ich schon dort war, kaufte ich im Supermarkt Bier, eine Patayahälfte und Snacks ein. Schon auf dem kurzen Spaziergang sog ich viele Eindrücke dieser für mich exotischen Stadt auf. Ein Gockel lief frei herum, dazu kleine herzige Vögel, die wie Küken aussahen. Alle Arten von Menschen, einige sichtbar arm, aber die meisten sehr elegant. Viele Leute gingen bei Rot über die Strasse. Was natürlich verboten war, aber ich wusste nicht, ob dies auch so wie hart bestraft würde wie vieles andere in Singapur. Wahrscheinlich nicht.
Ich schlenderte ein wenig durch den China Town, der mir sehr gefiel. Viele Bars und Restaurants, aber um diese Zeit war alles leer. Auf einem Platz spielten Einheimische Dame und chinesisches Schach. Nach dem China Town kam ich zur Gegend beim Hotel Fullerton, wo der Meeresarm eine weite Aussicht in alle möglichen Richtungen bot. Es fing jetzt an, leicht zu regnen, hörte aber schnell wieder auf. Ich war schon recht erschöpft, ging aber weiter bis zu den Gardens By The Bay, ein grosser Park, den ich bis zu den künstlichen Riesenbäumen durchspazierte, auf die Bäume mochte ich dann aber nicht. Ich fühlte mich nicht besonders gut und ging den Rückweg schnurstracks, ohne Ablenkungen und Abstecher. Zurück im Hotel, vermochte ich nichts mehr zu unternehmen – ich ging nicht einmal aus zum Abendessen. Ich hatte die ganze Zeit irre geschwitzt und trank meine zwei Bier mit einer Gier, die mir selbst etwas unheimlich war. Auch die blaue Stunde lockte mich nicht aus dem Haus, ich fotografierte einfach aus dem Fenster den Hochhauskomplex und ging um 20 Uhr schlafen.
Am nächsten Tag stand ich um sechs Uhr auf. Beim Frühstücksbuffet trank ich erneut Kaffee mit normaler Milch, weil es hier nichts anderes gab, mit den Laktasetabletten war das aber bislang kein Problem. Die Verdauung funktionierte wieder besser.
Bei der Metrostation erwarb ich in einem Shop eine Bahnkarte. Allerdings nicht den Touristenpass, den ich verlangt hatte, sondern so eine Prepaid-Aufladekarte, also wie in Neuseeland. Aufladen musste ich sie an einem Automaten, das konnte mir die gute Frau nicht machen, und der Automat funktionierte nicht, weil er nur inländische Kreditkarten akzeptierte. Es dauerte recht lange, bis ich einen anderen Automaten gefunden hatte, der Cash nahm. Eigentlich hätte ich zum Zoo wollen, aber es war schon so viel Zeit verstrichen, dass ich das verschob. Ich ging zurück zum Hotel, um herauszufinden, was ich alternativ tun konnte. Nach längerer Ratlosigkeit entschied ich mich, zur Insel Semosa zu gehen.
Semosa war nicht allzu weit weg und Singapur ein sicheres Land, also warum nicht zu Fuss gehen? Diese Überlegung entpuppte sich als Fehler. Es war doch recht weit und der Weg war unangenehm – alles einer Schnellstrasse entlang, schweisstreibende Sonne. Wegen einer Mischung aus Neugier und Orientierungslosigkeit irrte ich zu lange im VivoCity umher, einer architektonisch interessanten Shopping Mall mit Terrasse und Aussicht auf das Meer. Ich merkte, dass ich zu kaputt war, um den Rest zu gehen und nahm dort das Tram zur Insel. Auf der Insel selbst tat ich eigentlich auch nichts ausser herumspazieren. Man hätte schwimmen können, und es gab zahlreiche Vergnügungsmöglichkeiten, vom Universal Park, Sessellift, iFly-Windkanalfliegen, GoKart-Bahnen, etc. etc. Ich war jedoch nicht dazu aufgelegt. Zudem hatte ich aus purem Geiz das Roaming-Internet nicht aktiviert, sondern mir die Google-Map heruntergeladen – daher hatte ich nur die Karte, keine Zusatzinfos zu den «points of interest». Ohnehin war der Morgen die falsche Tageszeit für einen Vergnügungspark. Der Vorteil war, dass es ruhig und nicht allzu voll war.
Beim Spazieren gelangte ich zum «Southernmost Point of Continental Asia». Die Bezeichnung war eine dreiste Lüge: Der Punkt war weder auf dem Festland noch war es der südlichste Punkt. Aber egal – ein hübscher Ort, über eine Hängebrücke gelangte ich zum Mini-Inselchen, auf dem zwei Holzgebäude standen, die man betreten konnte. Sie sahen aus wie eine Mischung aus Turm und chinesischem Tempel.
Ich ass im Sumo Happy Bar direkt neben dem Hotel. Japanisch. Es war scharf, aber sehr gut. Ich musste mit dem Smartphone und einem QR-Tag bestellen, was ich nicht mag. Das Hotel-Wifi funktionierte dort immerhin noch. Danach gings auf einen Abendspaziergang in der Gegend des Fullerton Hotel – hier kann man in der blauen Stunde spektakuläre Fotos machen. So nahe am Äquator dauert die Dämmerung nur kurz, aber es war trotzdem eindrücklich. In der Ausgangsmeile am Boat Quai schaute ich auch noch vorbei, blieb aber nicht.
Am dritten Tag ging ich in den Zoo. Der befand sich weit ausserhalb des Zentrums. Die U-Bahn war im Aussenbezirk nicht mehr unterirdisch, daher sah ich etwas von der Gegend. Das war doch sehr anders als im schick herausgeputzten Zentrum. Über weite Strecken grosse Wohnblöcke, zum Teil alt und trostlos, zum Teil auch einigermassen schön. Wohnraum für 6 Millionen Menschen.
An der U-Bahn-Station Khatib fand ich den Bus erst nach einigen Irrungen. Es war ein Shuttle, kein normaler Linienbus, und kostete etwas mehr. Die Busfahrt dauerte weitere 20 Minuten. Neben dem Zoo hätte es dort auch noch ein Aquarium gehabt, das mochte ich dann aber nicht auch noch besuchen. Der Zoo war schön, im Prinzip ein tropischer Park, die meisten Tiere sah man im Freien. Was zum Fotografieren ein Vorteil war. Es hatte nicht viele Leute. Am Mittag ging dann in einer Art Amphitheater eine Show los, bei der Tiere wie im Zirkus vorgeführt wurden. Eine Veranstaltung wohl hauptsächlich für Kinder. Stachelschweine hoppelten herum, Lemuren, Biber sammelten Plastikflaschen ein, um Recycling zu demonstrieren. Man konnte Elefanten selber füttern, wenn man dafür extra bezahlte. Die Elefanten leuchteten richtiggehend vom rötlichen Sand.
Ich ass im Zoo-Restaurant, was sehr gut war. Auf der Rückfahrt in der U-Bahn musste ich stehen, während es auf der Hinfahrt praktisch leer war. Am Nachmittag konnte ich mich zu nichts mehr richtig aufraffen. Und irgendwie schaffte ich es auch nicht, am Abend nochmal auszugehen, um wenigstens etwas Richtiges zu essen. Ich schlenderte zwar im China-Town umher, hatte aber einen völligen Choice Overload und wusste überhaupt nicht, was ich tun sollte. Ausserdem war mir im Vorbeigehen auch nicht klar, was hier überhaupt zum Essen angeboten wurde. Ausser bei italienischen Restaurants, aber das vertrug mein Reizdarm nicht.
Am letzten Tag fühlte ich mich erneut unwohl. Ich blieb bis fast 12 Uhr im Zimmer, also bis zum letztmöglichen Zeitpunkt. Spazierte nochmal im China Town umher, entdeckte dabei neue Dinge. Nicht unspannend, aber auch nicht etwas, womit man den Tag verbringen konnte. Weil ich nicht genug fit war, um etwas Spannendes zu unternehmen, verstrich die Zeit nicht. In der Hotel-Lobby waren alle Tische bis auf einen mit «Reserved»-Schildern versehen, und dort sassen schon Leute. Ich setzte mich dazu. Aber es war nicht angenehm, besonders als eine Frau und ein sehr alter Mann dazu kamen und auf die umständlichste Art anfingen, Lebensmittel auszupacken.
Die strengen Gesetze machten schon was mit mir. Ich sass auf einer Parkbank, als ich entdeckte, dass direkt vor meinen Füssen irgendwelche Papierchen lagen. Littering! In Singapur! Dass ich den Abfall anderer Leute einsammle, kam für mich nicht in Frage, aber ich überlegte, ob ich nun den Platz wechseln musste, damit es nicht so aussieht, als ob ich das weggeschmissen habe. Tatsächlich setzte ich mich zehn Meter weiter auf eine andere Bank. Absurd.
Abermals schlenderte ich ein wenig im Chinatown umher, dieses Mal schaffte ich es sogar, ein Nachtessen zu bestellen. Burger, Pommes und ein Bier, trotz der Verdauungsschwierigkeiten. Es ging momentan ganz gut.
Zurück in der Lobby, musste ich mich für den Abend umziehen, denn ich war schon wieder verschwitzt und fürs Flugzeug auch viel zu leicht bekleidet. Ich holte meinen Koffer und wollte eigentlich ein Taxi nehmen, aber es schien, als müsste ich erst eines bestellen. Da konnte ich auch gleich die U-Bahn nehmen. Das dauerte nicht viel länger und kostete nur zwei Dollar statt etwa 35. Meine Bahnkarte hatte am Ende noch genau 85 Cent drauf. Uff, ich war froh, dass es reichte, ich malte mir schon aus, was geschehen würde, wenn sich die Schranke nicht öffnet, weil das Guthaben auf null ist … wie gesagt, dieser autoritäre Staat machte mich ab und an etwas nervös.
Am Flughafen musste ich weitere Stunden totschlagen, was aber kein Problem war. Ich besuchte den riesigen Indoor-Wasserfall im Jewel (so heisst das kreisrunde Gebäude). Sehr angenehm an diesem Flughafen war, dass es keine Lautsprecherdurchsagen gab. Davon könnte man sich in der Schweiz echt mal eine Scheibe abschneiden, hier werden sogar im Zug ganze Fahrpläne vorgelesen, in vier Sprachen. Der Security-Check fand hier erst beim Boarding am Gate statt, daher gab es dort noch eine längere Wartezeit, der Flug ging aber pünktlich.

